Allein unter Südkapern

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Einer der schönsten und intensivsten Momente meines Lebens war sicherlich, als ich die kleine Alejandra zum ersten Mal im Arm gehalten habe. Ganz nahe heran an dieses Gefühl kommt aber die Begegnung mit einer Walkuh und ihrem Kalb. Und diese hatte ich fast für mich allein auf einem kleinen Zodiak in einer einsamen argentinischen Bucht.

Wie schon im letzten Beitrag beschrieben, sind wir wegen den Walen im Oktober 2015 nach Argentinien gereist. Während den Frühlings-/Sommermonaten kann man auf der Halbinsel Valdés Südkapermamas beobachten, die in der geschützten Bucht ihre Kälber mit Nahrung versorgen. Außerdem kann man mit viel Glück auch noch Orcas und Delfine entdecken, die hier ebenfalls um ein gutes Futterplätzchen wissen. Die Südkaper sind allerdings die Stars auf der Halbinsel. Ihre Masse ist gigantisch und schon vom Ufer aus leicht zu erkennen. Sie werden bis zu 18 m lang.

Auf der Halbinsel Valdés gibt es insgesamt sechs verschiedene Anbieter, die mit Gästen raus aufs Meer fahren, um Wale zu beobachten. Alle nehmen den gleichen Preis für eine Tour, dennoch sind die Touren grundverschieden. Das liegt vor allem an den Booten, die zwischen 10 und 60 Passagieren aufnehmen können. Ich persönlich bin immer sehr gern mit einem möglichst kleinen Boot auf dem Wasser, da man damit die Wale und Delfine am wenigsten stört. Außerdem ist Walbeobachtung umso schöner, je kleiner die Gruppe ist. Das Erlebnis wird dadurch intimer und ruhiger. Allerdings hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich mal in den Genuss kommen würde, eine Tour ganz für mich alleine zu haben.

Ich habe eine Abendtour mit Punta Ballenas gebucht, das kleinste Unternehmen auf Valdés. Die Tour soll mit einem Zodiak stattfinden, auf dem maximal 10 Personen Platz finden. Ich freue mich schon riesig, endlich mal wieder mit einem Schlauchboot rauszufahren. Ich rechne nicht damit, dass ich die einzige Passagierin an diesem schönen Sommerabend sein werde. Anfangs bin ich fast ein bisschen nervös. Mit mir fahren ein Skipper und ein junger Tourguide, Axel, der Sohn von Jorge Schmid, dem Besitzer von Punta Ballenas. Ich wundere mich, dass die Tour trotzdem stattfindet. Auf Valdés gibt es die Regel, dass eine Tour mind. 60% ausgelastet sein muss, um zu operieren. Die beiden Jungs sind allerdings bester Laune und machen nicht den Anschein, dass sie die Tour ausfallen lassen möchten. Das Zodiak wird zu Wasser gelassen und ich soll es mir bequem machen…na denn!

Schon nach kurzer Zeit treffen wir die erste Walkuh mit ihrem Kalb. Wir sind das einzige Boot, dass zu dieser späten Zeit noch unterwegs ist. Die Abenddämmerung hat bereits begonnen und das Wasser wirkt fast schon bedrohlich schwarz. Da taucht direkt neben uns plötzlich die riesige Walkuh auf und mustert uns ganz genau. Ihr Blick verrät: „Benehmt Euch! Dann können wir gerne ein paar nette Momente miteinander verbringen!“ Vor allem ihr Kalb ist sehr neugierig und möchte uns unbedingt kennenlernen. Sie lässt es gewähren, bleibt jedoch immer immer in nächster Nähe, um unser Verhalten zu kontrollieren. Ich zittere am ganzen Leib! Diese Walkuh ist so riesig, dass sie unser Boot wie einen Wasserfurz aussehen lässt. Ihre Bewegungen erzeugen so starke Wellen, dass wir ordentlich hin und her geschaukelt werden.
In diesem Moment bin ich so voller Erfurcht und gleichzeitig so überwältigt, dass mir ein paar Tränen die Wange runterkullern. Heimlich wische ich sie weg und genieße den Moment mit den beiden Jungs, die ebenfalls total euphorisch sind. „So nahe kommen uns die Wale selten. Sie wollen interagieren, dass passiert nicht oft. So was sieht man eben nicht in Sea World! Wahnsinn„, sagt Axel. Er fuchtelt wild mit seinem Handy herum, und versucht, ein paar Aufnahmen zu machen. Ich versuche das Gleiche, bin aber wie gefesselt von dem Anblick. Außerdem kommt das Kalb so nahe an unser Boot, dass wir alle von den Wellen und seinem Blas ordentlich nass werden. Plötzlich geht mein Handy einfach aus. Ein Zeichen, dass Ding einfach mal in der Tasche verschwinden zu lassen. Ein bisschen was habe ich trotzdem noch an Videomaterial zusammenbekommen:

 

Irgendwann gibt uns die Walkuh ein Zeichen: „Es ist genug!“ Sie wird unruhig und schlägt mit der Fluke. Sie gibt ihrem Kalb ein Zeichen, dass es zu ihr schwimmen soll. Wir respektieren das und fahren weiter. Ich erlebe das alles wie in Trance, so überwältigt bin ich immer noch. Doch ich habe kaum Zeit, das ganze zur verarbeiten. Ein paar Seemeilen weiter entdecken wir nämlich das nächste überwältigende Schauspiel, während neben uns die Sonne untergeht. Ein Walbaby spielt wild mit einer Robe, während etwas weiter eine Walkuh mit noch einem Kalb nahe des Ufers ruht. „Wow„, ruft Axel. „Irgendwo muss hier noch eine Walkuh sein. Die eine scheint jedoch gerade auf die beiden Kälber aufzupassen„. Wir schalten den Motor aus und schauen dem Treiben in Ruhe zu. Kamera und Handy lasse ich immer noch beiseite. Adrenalin und Endorphine sorgen sowieso irgendwie dafür, dass ich mich wie in einem Rausch fühle und alles um mich herum vergesse.

Eine Tour mit Punta Ballenas, die ich sicher nie vergessen werde. Wenn ihr mal den Weg auf die Halbinsel Valdés finden solltet, lasst Euch eine Ausfahrt mit diesem persönlichen und herzlichen Unternehmen nicht entgehen. Hier spürt man, dass Wale nicht nur ein Geschäft, sondern eine Passion sind. Und ich garantiere Euch: Spätestens dann wird sie auch Euch ergriffen haben 🙂

Musik: Aus dem Film „Whale Rider“ (Lisa Gerrard, „Reiputa“)

2 Kommentare zu „Allein unter Südkapern

    Hartmut // 4aufeinenstreich sagte:
    Juni 27, 2016 um 6:32 pm

    Liebe Sarah,
    oh, wow… ich bin sprachlos und völlig fasziniert von diesen tollen Filmaufnahmen… einzigartig!

    Wir durften auch vor knapp 13 Jahren Wale auf Valdés beobachten, sowohl vom Boot als auch vom Land aus, ein tolles Erlebnis, das alle späteren Walbeobachtungen in den Schatten stellte. Die von dir beschriebene und gefilmte Begegnung war aber dann doch nochmal etwas ganz besonderes… einfach toll! Darum beneiden wir dich wirklich…

    Und richtig Lust auf Argentinien haben wir auch wieder bekommen – vielen Dank!!

    LG
    Hartmut

      Familie Bauer auf Weltreise geantwortet:
      Juni 28, 2016 um 11:55 am

      Danke, lieber Hartmut. Bevor ihr nach Argentinien reist, müsst ihr uns aber in Neuseeland besuchen 🙂

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