Das echte Singapur

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Auf dem Spieplatz mit He Xu und seiner Familie, Singapur 2014
Auf dem Spieplatz mit He Xu und seiner Familie, Singapur 2014

Alejandra und ich landen in Singapur. Nicht das erste Mal. Aber das erste Mal ohne Julian. Und das erste Mal im echten Singapur. Dieses Mal schauen wir uns den Stadtstaat nicht als Touristen an, sondern leben gemeinsam im Haushalt einer malaysischen Familie im Stadtteil Choa Chu Kang.

Mein Sitznachbar aus dem Flugzeug, Raymond, bringt Alejandra und mich zu unserer Gastfamilie. Er hilft uns sogar, das ganze Gepäck in den vierten Stock des hohen Betonklotzes zu tragen. Auf den ersten Blick wirkt alles zugebaut und eng, ganz typisch für eine Trabantenstadt.

Es ist nur die Oma der Familie da, die kaum Englisch spricht. Raymond springt – mal wieder – helfend ein. Auf Chinesisch erklärt er der freundlichen alten Dame alles Notwendige. Wir bekommen unser Zimmer gezeigt. Rustikal und bescheiden ist es. Alejandra und ich schlafen zusammen auf einem Futon mit einer dünnen Decke. Mehr werden wir auch nicht brauchen. Es ist noch früh am Morgen, doch schon so schwül heiß, dass man sich am liebsten nackig in eine Eisbadewanne legen möchte.

Nachdem Raymond weg ist, führt uns die urige Oma durch die Wohnung. Blitzsauber ist es. „Cleanness is healthy“ erklärt sie mir. Tatsächlich scheint Hygiene die oberste Priorität der kleinen Familie zu sein. Die Schuhe müssen vor der Tür ausgezogen werden. Alejandras Kindersitz wird ebenfalls dort gelagert, mit einer schonenden Unterlage für den Boden. Ich trinke einen Schluck Wasser, spüle aber das Glas gleich wieder ab. Nirgendwo steht ein Glas herum und ich möchte nicht unhöflich sein. Unsere Gastgeber-Oma spült das Glas allerdings gleich noch mal. Sie kann das besser, sagt sie. Ich nehme ihr das nicht übel. Zwar glaube ich zu wissen, wie man ein Wasserglas mit Schwamm und Spülmittel reinigt, doch ich möchte ihre Routine nicht in Frage stellen.

Außer der Oma wohnen hier noch Yeng Leng, mit der ich bereits vor einigen Monaten Kontakt über das Couchsurfing-Netzwerk aufgenommen hatte, ihr Mann und achtjähriger Sohn He Xu. Die sind allerdings an diesem frühen Sonntagmorgen in der Kirche. Alejandra und ich nutzen die Zeit und hauen uns erst mal aufs Ohr. Wir sind ja sooo schrecklich müde nach 12 Stunden Flug und den vielen neuen, aufregenden Eindrücken.

Als wir gegen Mittag wieder wach werden, sind Yeng Leng und ihr Sohn da. Die Begrüßung ist herzlich. Wir haben ein paar Kleinigkeiten aus Deutschland mitgebracht, Mainzelmännchen-Tassen und eine Mainzer-Handyhülle für das iphone. Besonders die Mainzelmännen-Tasse hat es He Xu angetan und wir sind sofort akzeptiert. Er lädt uns direkt ein, mit ihm und seinen Eltern am Abend, nach seiner Yoga- und Englischgruppe, auf den Spielplatz zu gehen.

Bis dahin schauen Alejandra und ich uns jedoch erst einmal um, wo wir hier genau gelandet sind. Auf den zweiten Eindruck ist die Trabantenstadt von Choa Chu Kang schon etwas netter zu betrachten. Das ganze Beton wechselt sich ab mit grünen Parks, alles ist top sauber und die Infrastruktur ist gut. Wir wohnen direkt an einer MRT-Station, dem Bahnliniennetz von Singapur. Dort wimmelt es nur so von Menschen und Läden. Wir decken uns in einer Apotheke mit Mitteln gegen Dengue-Fieber ein, welches im Moment in Singapur Hochsaison hat. Mit hübschen Bändchen an Armen und Beinen, die enorm nach Zitronengras riechen, schlägt Alejandra jedes Stechvieh in die Flucht.

Zwischendurch rufen wir Julian in Deutschland an. Plötzlich trennen uns 6 Zeit- und 2 Klimazonen, eine unterschiedliche Währung und ein anderes Handynetz und eine Millionen neue Erfahrungen. Merkwürdig ist es, plötzlich ganz allein mit einem kleinen Kind an der Hand an einem Ort zu sein, an dem man niemanden kennt. Oder vielleicht doch? Als Alejandra und ich abends zurück zu Yeng Leng und ihrer Familie kommen und uns bereit machen für den Spielplatzbesuch, steht auch schon der versprochene Kinderwagen von Raymond vor der Tür. Was soll man noch sagen? Das echte Singapur ist wirklich viel schöner als das Touristen-Singapur.

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