Schatzsuche mit Zugabe

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Alejandra und Sarah am Vancouver International Airport, Kanada 2014

Wie ist es, nach acht Monaten auf Reisen wieder ein Flugzeug Richtung Heimat zu besteigen? Ein letztes Mal die Aufforderung „Passport, please!“, ein letztes Mal die Floskel „Welcome on board“, ein letztes Mal die Frage „Sorry Mam, is this child seat certified for use in aircraft?“

An einem sonnigen warmen Juni-Tag stehen wir also am Vancouver International Airport und bereiten uns ein wirklich letztes Mal auf das Boarding-Procedere vor. Es ist mittlerweile unser achter Flug in acht Monaten. Alejandra fragt:“ Fliegen wir jetzt nach Deutschland? Kann ich den Minion-Film im Flugzeug gucken? Krieg ich von Flight Attendants Schokolade?“ Sie kennt die Abläufe auf den Flughäfen dieser Welt genau. Sie weiß, dass sie nach dem Start im Flugzeug der Liebling der FlugbegleiterInnen, die sie selbstverständlich „Flight Attendants“ nennt, sein und mit Spielzeug und Süßigkeiten überhäuft werden wird. Sie weiß, dass sie später unbegrenzt Filme in ihrem gemütlichen Kindersitz „Römer Eclipse“ schauen darf, den wir auf der gesamten Reise sowohl im Auto als auch im Flugzeug installieren und ihr damit eine sehr gemütliche Reisesituation schaffen konnten. Und wir wissen, dass wir uns wie vor jedem Flug wieder viele kritische Fragen zu unserem Autokindersitz gefallen lassen müssen, der wirklich und tatsächlich flugzeugtauglich ist. Alles wie immer also.

Doch natürlich ist es das nicht. Denn nun schließt sich der Kreis und wir nehmen eine Maschine, welche uns nicht in ein neues, aufregendes Land, sondern in unseren normalen Alltag zurück bringen wird. Das ist so verrückt, wenn wir uns bewusst darüber werden, was wir in den letzten 242 Tagen erlebt haben.

Sechs Monate durch Neuseeland mit einem Kleinkind und einem zwanzig Jahre alten Auto. Bei fremden, doch gleichzeitig sehr vertrauten Menschen gelebt. Zwischendurch ein spontaner Abstecher auf die Cook Inseln mit der Absicht, die gesamte Südsee in absehbarer Zeit mit dem Schiff zu durchqueren. Wandern durch brütende Hitze, inklusive Buschfeuer, an der Great Ocean Road in Australien. Ein undefinierbar schwerkrankes Kind auf hoher See zwischen Samoa und Hawaii. Ein Blick auf extrem arme und extrem wohlhabende Gesellschaften und die Erkenntnis, dass man mit wenig auskommen und sich trotzdem wie der reichste Mensch der Welt fühlen kann, solange man gesund ist.  Unglaublich hilfsbereite Menschen, die keine Gegenleistung vor Dir erwarten außer Freundlichkeit. Ein Kind, dass auf einmal anfängt, Englisch mit Dir zu reden und Du nichts aktiv dazu beigetragen hast. Ein Ehemann (Der Beste), der aus Flugzeugen springt und nebenbei Lieder mit einer Gitarre und einem iphone komponiert. Eine Schwester, die auch ein Kontinent Entfernung nicht auf Deine Gesellschaft verzichten will und sich kurzerhand in ein Flugzeug setzt, um Dich zu sehen. Oder Du selbst, die erkennt, dass Heimat kein fester Ort ist, sondern ein Gefühl.

Ziemlich viele Eindrücke und Erkenntnisse. Doch wie soll man die in einen Alltag integrieren, in der nichts und niemand dieselben Erfahrungen gemacht haben wie man selbst? Gleichzeitig ist das Ende unserer Reise also auch ein riesiges Sammelsurium an Schätzen, die wir irgendwie versuchen werden, an unsere Umwelt anzupassen. Doch uns ist auch klar, dass wir erst wieder richtig auf Reisen gehen müssen, um auf Gleichgesinnte zu treffen und das Unangepasste zu erleben, das wir suchen. Denn auch wenn wir wissen, dass sich Familie und Freunde unheimlich auf uns freuen (und wir natürlich auch auf sie), können nur diejenigen diese Gefühle und Gedanken nachvollziehen, die selbst mal auf Schatzsuche gegangen oder im Anschluss zu Goldgräbern mutiert sind.

Apropos Schatzsuche. Auf dem Weg ins Flugzeug fragt mich Alejandra:“ Mama, wir fliegen jetzt nach Deutschland?! Und dann fliegen wir zur Emu?“ Ich nicke. „Ja, erst mal fliegen wir nach Deutschland. Da feiern wir deinen dritten Geburtstag. Und danach fliegen wir zu deiner Tante Emu (Anna) nach Australien!“ BAMS! Nach Gold graben macht eben süchtig. Und so werden Alejandra und ich (Sarah) nach einer kurzen Stippvisite in Deutschland noch mal ein paar Wochen nach Australien zu meiner Schwester, mit Zwischenstopp in Singapur, fliegen. Auf uns wird der Alltag noch ein bisschen warten. Und das letzte Mal die Aufforderung „Passport, please!“, die Floskel „Welcome on board“ und die Frage „Sorry Mam, is this child seat certified for use in aircraft?“ ebenfalls 😉

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Alejandra und Sarah auf dem Rückflug Vancouver – Frankfurt, Juni 2014

3 Kommentare zu „Schatzsuche mit Zugabe

    weltwunderer sagte:
    September 23, 2014 um 11:33 am

    Willkommen zu Hause!! Furchtbar, oder? Ich leide mit euch …

    […] etwas Zeit, bevor der Ernst des Lebens wieder losgeht und konnten nach dem Ende unserer Weltreise im Juni ein weiteres mal losziehen. Jan kann sich den redlich verdienten Arbeitnehmerurlaub nehmen und […]

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