Besser als Erinnerungsfoto auf dem Mond

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Bier und Logo, Nanaimo, Kanada 2014

Was wir auf Reisen gelernt haben? Nichts ist so intensiv und nachhaltig wie die Begegnung mit Menschen. Ohne sie ist der interessante Reiseführer nicht mehr wert als ein 0-8-15-Standard-Motiv, welches tausendfach am Tag ins Netz geladen wird. Sydney Opera House? Christusstatue in Rio? Wie farblos, wenn man Menschen trifft, die einen wirklich berühren.

Auf unserer Schiffsreise durch den Pazifik haben wir nur zu wenigen Menschen Kontakt aufgebaut. Der Großteil war daran interessiert, sich abends in einem schicken Cocktail-Kleid und Anzug an einer der vielen Bars zu treffen und Ewigkeiten an Drinks zu nippen. Selbst die wenigen Eltern an Bord waren primär am „Gesehen-und-gesehen-werden“ interessiert, haben bei Shows wie „Dancing with the stars“ mitgemacht (Passagier tanzt in einem Wettbewerb mit einem professionellen Tänzer des Schiffs) und bei Landausflügen hunderte von Dollar in klimatisierte, langweilige Reisebusse gesteckt. Unser Eremiten-Status hat uns manchmal zweifeln lassen, ob die Idee, mit einem Schiff den Pazifik zu überqueren, wirklich sinnvoll war. Zu unterschiedlich ist unsere Vorstellung vom Reisen von der der meisten Kreuzfahrt-Passagiere. Doch manchmal reichen nur zwei Leute, um Zweifel in der Luft verpuffen zu lassen. Oder auf weiter hoher See.

Die Begegnung mit Michael und Cynthia war zufällig. Wie auch wir haben sie jeden Abend im nonchalanten Bord-Restaurant gegessen. Das einzige, in dem man weder Fliege noch hohe Absätze tragen und man als Kind keine erwachsenen Tischmanieren beweisen musste. Durch unseren kleinen Wirbelwind Alejandra kamen wir nach einigen freundlichen „Hellos“ und „Good Byes“ auch irgendwann ins Gespräch. Bald saßen wir jeden Abend gemeinsam am Tisch und erzählten uns gegenseitig vom Tag. Dabei kamen wir vom Hölzchen und Stöckchen, die Gespräche gestalteten sich oft sehr tiefsinnig und unsere aufgedrehte Tochter hatte alle Mühe, stundenlang im Bord-Restaurant zu verbringen.

Cynthia und Michael kommen aus Kanada und leben in Nanaimo, einer Hafenstadt auf Vancouver Island. Beide in ihren Fünfzigern und Sechzigern, haben sich das Reisen lange aufgespart. „Bis die Kinder aus dem Haus waren. Wir haben alles für die Ausbildung unserer Söhne gespart. Danach hatten wir uns vorgenommen, die Welt zu bereisen.“ In Kanada kostet eine Berufsausbildung mehrere Zehntausend Dollar. Habt ihr das gewusst? Als ich ihnen erzählt habe, wie viel ein staatlicher Universitätsbesuch in Deutschland kostet, ist ihnen die Kinnlade runtergefallen. „Das ist ja fast geschenkt!“

Die Welt bereisen, das machen sie jetzt übrigens auf ihre ganz eigene Weise. Michael hat vor zwei Jahren bei einem Busunfall seinen linken Unterarm verloren und hätte den Unfall fast nicht überlebt. Die positive Lebenseinstellung, die er trotz all seiner Einschränkungen nicht verloren hat, ist bemerkenswert. Man muss sich vorstellen, dass beide vor der Schiffsreise durch Australien gereist sind und bereits letztes Jahr eine Tour nach Übersee gemacht haben. Und obwohl er sich die Frage stellt „Warum Ich?“, klagt er nicht an. Er versteckt sich auch nicht. Seine Prothese trägt er meistens sichtbar und geht ganz offen damit um. Alejandra merkte davon beispielsweise überhaupt nichts, bis wir sie ihr zeigten und Michael ihr spielerisch erklärte, was man alles mit einer Prothese machen kann.

Das Leben von Cynthia und Michael hat sich durch den Unfall natürlich verändert. Die Dinge, die sie immer gerne getan haben, machen sie jedoch nach wie vor. Reisen zum Beispiel. Oder Teddybären sammeln. Cynthia besitzt hunderte Teddybären, die sie alle namentlich kennt und die überall in ihrem Zuhause einen Platz haben. Oder stricken. Oder Lego bauen und dabei Bier trinken.

Als wir uns vom Schiff verabschieden, laden sie uns in ihr Heim nach Nanaimo ein. Was bringen wir mit? Natürlich „Nasch“-Lego und Piratenbier, schließlich haben wir uns auf See kennen gelernt. Cynthia kocht Alejandras Lieblingsessen, Macaroni mit Käse, zum Nachtisch gibt es selbstgemachte Cupcakes und Brownies. Doch das größte Geschenk macht Cynthia ihr mit der Stoffbärin „Cindy“. Liebevoll hat sie ihr ein Bären-Dress genäht, zum selbst an- und ausziehen. „Jetzt hat sie wieder einen Teddy zum kuscheln“, meint Cynthia, die noch genau weiß, dass Alejandra vor einigen Wochen ihren Lieblingsteddy auf einer der Pazifik-Inseln verloren hat. Dagegen hätte selbst ein Erinnerungsfoto mit gehisster Flagge auf dem Mond keine Chance 🙂

2 Kommentare zu „Besser als Erinnerungsfoto auf dem Mond

    Stilzchen Rumpel sagte:
    Juli 29, 2014 um 6:22 am

    In Kanada gibt es Hobgoblin? Cool 🙂

    Michael sagte:
    Juli 29, 2014 um 3:00 pm

    Liebe Sarah, „nichts ist so intensiv und nachhaltig wie die Begegnung mit Menschen“. Also, also, die Begegnung mit einem Grizzly kann vieeeeel intensiver sein, so mit arm dran oder Bein ab ist eine solche Begegnung sicher gewaltig und nachhaltig. – Aber ich gebe zu, das Verhalten der Pazifik-Pfessersäcke würde mir auch nicht gefallen. Gruß Michael

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