Kluft und Flucht

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oodhall Supermarket Childrens Park, Nadi, Viti Levu, Fidschi 2014Fidschi. Das ist so ein Wort, das in den meisten von uns ein unstillbares Fernweh weckt. Fidschi steht für Sonne, Palmen, traumhafte Sandstrände und katalogisiertes Südsee-Feeling. Nur die Hawaii-Inseln sind noch populärer. Warum ist das so? Weil gerade in den großen Städten der Massentourismus um sich geschlagen hat. Darüber hinaus leben hier so viele Menschen auf engem Raum, dass wir fast klaustrophobisch werden.

Unser erstes Ziel des Tages ist Lautoka, Fidschis zweitgrößte Stadt hinter Suva auf der Hauptinsel Viti Levu. Wir sind gespannt auf alles: Die Menschen, die Gerüche, das Stadtbild und das Lebensgefühl. In unserem Reiseführer haben wir über die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft der Fidschianer gelesen. Au ja, für so etwas sind wir überaus empfänglich!
Es fängt auch ganz gut an. Auf dem Weg ins Stadtzentrum schmettern uns vorbeikommende Passanten ein strahlendes „Buuuuulaaaa“, entgegen, eine Kurzform der Grußformel „ni sa bula vinaka“. Alejandra findet das lustig. „Was ist ein ‚Bula’?“ will sie von uns wissen. „So grüßt man sich hier, so wie wir in Neuseeland ‚Kia Ora’ oder auf den Cook Inseln ‚Kia Orana’ gesagt haben. Oder auf Neukaledonien ‚Bonjour’, “ versuchen wir ihr zu erklären. Wie schön, versichern wir uns, dass wir unserem Kind auf diese Weise ein bisschen Kultur beibringen können, die sie begreifen und wiedergeben kann. Dem nächsten Passanten brüllt sie dann auch routiniert ein lautes „BUUULAAA“ ins Gesicht, da sie bereits gelernt hat, dass man so die Herzen eines Jeden im Sturm erobern kann.
Gut gelaunt nähern wir uns also dem Stadtzentrum Lautokas und erreichen langsam die ersten Straßenhändler. Alle sind direkt auf Tuchfühlung, geben Julian die Hand und hauen wie aus der Pistole geschossen ein paar Brocken Deutsch heraus. Alles locker, alles auf der Kumpelebene. Bis es ums Geschäft geht. „Wir verkaufen hier noch gute Fidschi-Qualität! Lasst Euch nichts von den Indern andrehen, die haben nur Billigware! Sobald ihr diesen Straßenzug verlasst, findet ihr nichts mehr ‚made in Fiji’!“ Abgesehen davon, dass wir gar nichts kaufen wollten, kleben uns die Straßenhändler wie Kaugummi an den Sohlen. Ihre Blicke sind vorwurfsvoll, ihr Ton streng. Auf gar keinen Fall dürfen wir von den Indern kaufen! Auf gar keinen Fall!
Es dauert eine Weile, bis wir den Straßenverkauf hinter uns haben und wir verstehen beim Einzug ins Stadtzentrum auch, was man uns glaubhaft machen wollte. Man fühlt sich tatsächlich ein bisschen wie in Little India. Aus den Shops donnert Musik, die wir nur aus Bollywood-Filmen kennen, Shah Rukh Khan ist auch hier ein Held und der 1$-Warenhandel ist die Regel. Wir erinnern uns, was unser Reiseführer noch beschrieben hat: Auf Fidschi ist knapp die Hälfte der Bevölkerung indischer Abstammung. Eine Spätfolge Zehntausender Kontraktarbeiter, die zum Ende des 19. Jahrhunderts auf Fidschi eintrafen, geblieben sind und die Geburtenrate hoch halten. Was daraus entstanden ist, scheint eine separierte Gesellschaft aus Indern und Fidschianern zu sein, die sich wirtschaftlich nichts schenken wollen.

Lautoka ist wahnsinnig voll und irgendwann werden uns die Lautstärke der Händler und der dichte Stadtverkehr zu viel. Einen Spielplatz zum Rasten finden wir auch nicht und so beschließen wir, ins 45Minuten entfernte Nadi zu fahren. Nadi ist zwar ebenfalls eine größere Stadt, doch angeblich soll es dort ruhiger zugehen als in Lautoka. Dafür nehmen wir für 2$ pro Person einen Minibus, der alternativ zu teuren Taxis und Stadtbussen auf einem großen Autoparkplatz angeboten wird. Der Minibus wird bis zum Bersten mit allem vollgestopft, was atmen kann und zwei Beine hat und wir fühlen uns ein bisschen wie ein einer Sardinenbüchse. Beim TÜV würde die alte Kiste wahrscheinlich locker durchfallen, doch wir schieben alle unruhigen Gedanken mit dem Ziel der Flucht aus Lutoka beiseite. Und die Fahrt ist tatsächlich wunderschön. Abgesehen von ein paar ziemlich hässlichen Hotelbunkern in Lautoka und in Nadi fahren vorbei am „Garden of the sleeping Giant“, dessen Anblick schon von weitem phänomenal ist. Außerdem lernen wir ganz liebe Fidschianer und deren Kinder kennen, die gemeinsam mit Alejandra spielen und Spielzeug tauschen. Von ihnen bekommen wir den Tipp, in Nadi zum „Foodhall Supermarket Childrens Park“ zu gehen, welcher ganz in der Nähe zum Minibus-Parkplatz liegt.

Wir folgen dem Rat unserer Sitznachbarn und verbringen die restlichen Stunden auf Fidschi tatsächlich etwas ruhiger in der etwas vergammelten, aber netten Anlage des „Foodhall Supermarket Childrens Park“. Hier findet Alejandra noch mehr Spielkameraden, die allesamt fasziniert von ihrer hellen Hautfarbe sind. Über kurz oder lang kommen immer mehr Kinder auf sie zu, fassen ihre Haut an, streicheln ihr Gesicht und greifen in ihre blonden, zu Zöpfen gebundenen Haare. Alejandra findet das zwar etwas ungewohnt, lässt es aber tapfer über sich ergehen – schließlich wollen alle mit ihr spielen.
Derweil unterhalten wir uns mit einer Fidschianerin, die mit ihren Kindern ebenfalls auf dem Spielplatz ist. Das freundliche Gespräch nutzen wir aus, um einfach mal nachzufragen: Was ist dran an der Kluft zwischen Indern und Fidschianern? Ihre Miene verfinstert sich ein wenig. „Die sind unhöflich und laut. Sie behaupten, dass dies hier ihr Land ist. Aber das stimmt nicht, trotzdem nehmen sie uns die Arbeit weg!“

Die Eindrücke, die wir an diesem Tag von Fidschi gewinnen, beschäftigen uns noch lange, nachdem wir die Insel verlassen haben. Von der Assoziation mit dem Paradies auf Erden ist nicht mehr viel übrig, auch wenn Fidschi natürlich aus mehr als nur einer Insel besteht. Wahrscheinlich darf man nicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung nach Fidschi reisen. Denn irgendwie ist Fidschi wie eine bipolare Störung: Es ist herzlich und freundlich, solange man keinen Trigger provoziert, der die Stimmung ändert. Es ist bunt, es ist laut, es ist stellenweise total verbaut, kann jedoch gleichzeitig ganz ruhig und friedlich erscheinen. Darauf fällt uns irgendwie nur eins ein: BUUUUULAAAA!

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