Reisen – eine Forderung nach selbstbestimmter Zeit

Gepostet am Aktualisiert am

Meine liebe Freundin und ehemalige Kommilitonin Susi hat mir einen tollen Artikel aus der „Zeit“ geschickt. Kerstin Bund schreibt hier über die sogenannte „Generation Y“, die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, die das Wertesystem vorangegangener Generationen im Moment gründlich überarbeiten. Sie stürmen auf den Arbeitsmarkt mit neuen Vorstellungen von „Work-Life-Balance“, Familiengründung und Karrierevorstellungen. Grund für mich, die Gedanken der Autorin, die sich aktuelle Studien stützen, auf unsere eigene Lebensführung zu beziehen.

Wie die Autorin gehöre auch ich zu dieser „Generation Y“. Sie beschreibt, dass wir als eine Generation der Freizeitorientierten gelten, die weniger Wert auf steile Karrierechancen, als auf einen ordentlichen Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit legen. Wir kündigen lieber unseren Job als auf unser „Sabbatical“ zu verzichten und wollen trotzdem grundsätzlich alles: Familie, einen ausreichend bezahlten, sinnerfüllten Job mit Arbeitszeiten, die uns selbst und unserer Familie gerecht werden. Wir sind flexibel und wollen Flexibilität. Selbstbestimmung gilt dabei als Code für Zufriedenheit. Dabei rücken materielle Statussymbole, die sich mit dem Karrierestatus erhöhen, in den Hintergrund. „Alles was Du hast, hat irgendwann Dich!“ – nicht umsonst hat Tyler Durden mit diesem Zitat aus „Fight Club“ den Nerv meiner Generation getroffen. Vielmehr wollen wir Autonomie in der Gestaltung, wann und wo wir arbeiten, suchen dabei Sinn und wollen uns immer neu erfinden. Doch wir fordern nicht nur viel, wir haben auch viel zu geben: Wir sind die am besten ausgebildete Generation, die es je in der Arbeitswelt gegeben hat. Wir wollen kreativ sein, mitgestalten können und unser Wissen nutzen, um bestehende Arbeitsstrukturen zu hinterfragen und neu zu definieren. Wir arbeiten gerne, wenn wir in unserer Arbeit einen Sinn sehen und wollen demzufolge auch Zeit in unsere Arbeit investieren.

Mir persönlich hat der Artikel sehr gut gefallen, da ich mich in der Art und Weise, wie wir unser eigenes Leben organisieren und führen, verstanden gefühlt habe. Die vielen Reisen, die wir unternehmen, vor allen Dingen, seit Alejandra auf der Welt ist, sind unsere Antwort auf die Forderung nach mehr selbstbestimmter, sinnvoll genutzter Zeit.

Selbstverständlich sehen wir auch in unserer Arbeit einen Sinn, doch wir wollen es nicht zulassen, dass die Arbeit unsere Freizeit dominiert. Vor allen Dingen nicht die Zeit, die wir mit unserem Kind verbringen können. Nach klassischen, nach wie vor herrschenden Arbeitsstrukturen ist das jedoch nicht ganz einfach: Da bedeutet unsere Vorstellung von Lebensführung immer noch ein Verzicht auf höhere Karrierestufen, gerade für gut ausgebildete Männer und nach wie vor für gut ausgebildete Frauen. Die Forderung meiner Generation, alles zu wollen und auf nichts zu verzichten, kommt leider nur schleppend in der heutigen Arbeitswelt an. Vor allem, wenn Kinder dazukommen. Julian und ich haben es am eigenen Leib erfahren: Nach der Geburt von Alejandra bin nicht ich, sondern Julian für ein halbes Jahr zuhause geblieben. Wir haben bis heute keinen Krippen- oder Kindergartenplatz für Alejandra, die Organisation ihrer Betreuung war bis zum Beginn unserer Reise ein Mammutprojekt, das uns an unsere nervlichen und finanziellen Grenzen gebracht hat. Wir sind flexibel, unsere Umwelt ist es nicht. Auf unseren Reisen fühlen wir uns frei von all dem. Doch wir reisen nicht nur, um einem völlig – in jeder Hinsicht – maroden System zu entfliehen, sondern weil wir reisen wollen. Weil es genauso zu unserem Leben gehört wie Arbeiten, in unserer Freizeit Musik zu machen oder zu Schreiben oder täglich duschen zu gehen.

Trotzdem habe ich etwas Hoffnung geschöpft, als ich den Artikel gelesen habe. Hoffnung, dass meine Generation die Geschwindigkeit erhöht, bestehende Arbeits- und Freizeitdogmen auf den Kopf zu stellen. Denn auch auf uns wartet wieder ein Alltag, in dem wir uns um unsere Zeit betrügen lassen müssen, in dem traditionelle Rollenklischees allgegenwärtig sind und uns tierisch nerven, weil sie einengen, und sich unsere Bedürfnisse zu sehr von den Erwartungen anderer unterscheiden. „Work hard, play hard“ verdient leider nach wie vor die höchste Anerkennung in unserer Gesellschaft. Haltet bitte die Welt an, ich will aussteigen! Oder wir machen einfach alles ganz anders. Wer macht mit?

2 Kommentare zu „Reisen – eine Forderung nach selbstbestimmter Zeit

    Simone sagte:
    März 11, 2014 um 6:55 pm

    Ganz deiner Meinung! Das System erdrückt einem, macht dich fertig… Wenn ihr von eurer Reise zurückkommt werdet ihr das stärker als je zuvor erleben, denn ihr kennt das Leben nun auch anders! Jemand sagte mal zu mir wer einmal eine Weltreise gemacht hat kann nie mehr so ganz dort weitermachen wie zuvor, das ist wahr.. Und: nach der Reise ist vor der Reise 😉

    MaOmi sagte:
    März 13, 2014 um 6:49 am

    Ich glaub das gab es alles mal: den kleinen eigenen Garten, kleine Handwerksbetriebe mit eigener Zeiteinteilung, Ärzte, die heilen wolltem, statt Geld zu scheffeln, Zeit zum Träumen- aber dann wollte man höher, schneller, weiter….Und jetzt ist nicht so klar was „wir “ wollen: Eine gut funktionierende Gemeinschaft oder unser individuelles Glück. Und auf der gegenwärtigen Suche nach dem, was gerade nicht da ist, sollten wir nicht vergesse: Es ist viel Gute dabei!!
    MaOmi 🙂

Hinterlasse uns ein Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s