Coromandel Fairy Tales, Part II: Perlen vor die Säue?

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Saustall, einer von vielen in den unzähligen Hostels NeuseelandsSo langsam wird es voll hier. Der November ist fast vorbei, und zwei Entwicklungen schreiten unaufhaltsam voran:

1. Der Sommer – seit knapp zwei Wochen werden wir mit Sonne satt und Wärme verwöhnt, jeden Tag, nächtliches Schwitzen und Sonnenbrand inklusive.
2. Die Hauptsaison! Mit ihr kommen immer mehr Reisende in das Land, allen voran Backpacker, wahre Horden! Da die meisten ein Work & Travel-Visum haben, herrscht ein reges Kommen und Gehen. Wir lernen in jeder Unterkunft neue Leute kennen und bekommen in den Gesprächen einen Eindruck, wie das hier so läuft, wenn man gerade Abi gemacht hat und jetzt das erste Mal „auf sich gestellt“ ist (kann man eigentlich auch nicht sagen, wenn Mama und Papa mit Kreditkarte im Background stehen und der Rest von einer Reiseorganisation erledigt wird).

Unsere Erlebnisse und Begegnungen mit Backpackern haben uns so beschäftigt, dass wir diesem Thema einen eigenen Eintrag widmen möchten. Unser Eindruck der neuen Backpacker-Generation in Neuseeland ist: Deutsche, wohin das Auge reicht. Es ist eine große Ausnahme, wenn man mal ein paar Franzosen oder Niederländer trifft.
Die Folge: In Hostels wird vorwiegend Deutsch gesprochen, rund um die Uhr. Wer da seine Englischkenntnisse verbessern möchte, ist logischerweise fehl im Platz. Die Kiwis nehmen es mit Humor, wie es die Chefin des „on the beach backpackers“ in Whitianga treffend formuliert: „I think I hang up a sign: German Town“. Soweit, so unspektakulär. Dass man sich für Landsleute jedoch ziemlich schämen muss, merkt man erst, wenn man gezwungen ist, Gemeinschaftsraum, Küche und Bad mit ihnen zu teilen.

Das fängt schon beim fehlenden Knigge an: Junges Volk, 18 bis 20 Jahre alt, das nicht mal ein sozialförderliches „Hallo“ herausbringen kann, wenn es die Küche oder den Gemeinschaftsraum betritt, dafür jedoch auf postpubertäre Weise sehr damit beschäftigt ist, den Coolness-Faktor hoch zu halten, dabei glutamatverseuchte Fertig-Gerichte kocht und benutzte Töpfe und Geschirr im Anschluss einfach liegen und das Abspülen den anderen überlässt. Für Nachkömmlinge ist dann weder sauberes Geschirr noch Platz zum kochen übrig, da alles stehen gelassen wird. Paradoxerweise: Je mehr Schilder von den Hostel-Betreibern aufgehängt werden, doch bitte sein Geschirr zu spülen und wegzuräumen, den Müll zu trennen und Ordnung zu halten, umso schlimmer sieht es aus. Stattdessen macht man sich erstmal ein Bier auf, setzt sich raus und „vergisst“ zu spülen, bis jemand anderes entnervt den Topf reinigt. Man hat ja die Gewissheit, dass spätestens am nächsten Tag die asiatisch dominierte Putzkolonne alles sauber macht – obwohl spülen nicht zu ihren Aufgaben gehört. Als ich ein deutsches Mädchen, die auch für so eine Kolonne arbeitet, frage, was sie davon hält, murmelt sie extrem genervt etwas von „Kindergarten“. Man hat wirklich den Eindruck, dass hier noch Kinder wohnen, die noch nicht gelernt haben, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern. Diese Hostels funktionieren jedoch auf dem Gemeinschafts-Prinzip. Wenn jeder seinen Teil leistet, kann eine gemütliche Atmosphäre entstehen, in der sich alle wohl fühlen. Die Realität sieht leider anders aus. In Whitianga wurden beispielsweise unsere Süßigkeiten und Alejandras Kakao gestohlen, obwohl jeder seine Essensvorräte beschriftet und so Verwechslungen ausgeschlossen werden können. Auf Nachfrage haben uns auch andere erzählt, dass ihnen Lebensmittel fehlen. Manche sehen das vielleicht als Kavaliersdelikt, für mich ist das immer noch Diebstahl…

Während ich diesen Post vorbereite, sitze ich in übrigens in einem „Gemeinschaftsraum“ mit Backpackern. Niemand spricht (ok, ich auch nicht, ich schreibe), dafür hat hier JEDER sein Smartphone in der Hand und glotzt auf das Display, bis auf einen, der „Wer wird Millionär“ schaut.

Das ist traurig. Wir fragen uns, wie vorherige Backpacker-Generationen Neuseeland erlebt haben. Wir treffen Ilka, die vor 20 Jahren das Land als Backpacker bereist hat. Damals gab es keine Smartphones oder WiFi. Sie erzählt uns, dass damals gemeinsam Karten gespielt oder gelesen wurde. Wenn man sich fortbewegen wollte, wurde getrampt – da gab es keine vororganisierten Bustouren. Wenn man da war, war man da – vorbuchen war nicht notwendig. Heute kommen die Backpacker mit Organisationen in das Land, die Flüge und Versicherungen buchen und abschließen, die Hostels werden im Internet alle vorgebucht, und wir haben kaum jemanden getroffen, der sich das Geld für Flug und Reisen selbst erarbeitet hat. Die allermeisten bekommen das, wie es scheint, von ihren Eltern gesponsert. Man erlebt nur noch selten, dass die hier tatsächlich ARBEITEN (heißt es doch „WORK and Travel“). „Naja es ist wirklich schwer, nen Job zu finden. Ich hab jetzt noch mal mit Papa telefoniert, ob es noch was überweisen kann…“) Viele scheinen gar nicht darauf angewiesen zu sein, hier wirklich zu arbeiten.

Nun gut, man kann sich auch sagen: „Was solls!“ Ist doch beneidenswert. Aber unser Eindruck ist, dass gerade durch diesen Komfort der größere Teil der Backpacker gar nicht zu schätzen weiß, was für eine wunderbare Möglichkeit sich ihnen hier bietet! Ein Land kennenzulernen, mit großartigen Landschaften und Naturschauspielen, einer interessanten Geschichte und mit herzlichen Einwohnern, die dies alles mit Menschen teilen, die sie gar nicht kennen.

Und was sehen und hören wir? Kinder, die sich darüber unterhalten, wie „voll“ sie gestern wieder waren, die dann lieber noch etwas im Hostel „chillen“, statt mal eine Wanderung in  die Umgebung zu machen, ihre Eltern anrufen, wenn das Geld wieder knapp wird, ihr dreckiges Geschirr von anderen spülen lassen und sich bei anderen Reisenden ungefragt bedienen, wenn die Lebensmittel knapp werden.

Unser Fazit: Die meisten (deutschen) Backpacker scheinen einfach noch zu jung zu sein, um erwachsen und verantwortungsvoll mit den Mitreisenden umzugehen und zu schätzen zu wissen, was sie hier für mehrere Monate vor der Tür haben. Das Wort „Reife“ (bzw. „fehlende“) kommt einem immer wieder in den Kopf.

Dies trifft natürlich nicht auf alle Backpacker zu. Wir haben auch einige Ausnahmen gesehen, junge Leute, die Manieren haben und ihre Teller selber spülen können. Und dann gibt es ja doch ein paar „Oldies“ oder auch ältere Backpacker, die eine ganz andere Attitüde haben. Aber der Großteil entspricht leider dem geschilderten Schema.

Sarah steht übrigens gerade in der Küche und hilft dem entnervten Hostelbetreiber unserer aktuellen Unterkunft beim saubermachen, da die Backpacker ein einziges Schlachtfeld hinterlassen haben.

Text von Julian

Bitte des Hostelbetreibers, die Küche sauberer zu halten

 

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3 Kommentare zu „Coromandel Fairy Tales, Part II: Perlen vor die Säue?

    Jenny sagte:
    November 25, 2013 um 8:35 am

    Ein toller Beitrag, Julian, vielen Dank! Ich freue mich, dass endlich mal jemand dem hippen Jungvolk die Meinung sagt – und werde das hier gleich weitertwittern, damit es die angesprochene Altersgruppe überhaupt bemerkt 😉
    Das ist übrigens der Vorteil an Campingplätzen, die ich euch in Zukunft empfehlen würde – da sind mehr Rentner und Familien unterwegs (und nach unserer Erfahrung nicht so überwältigend deutsch dominiert – besonders in der Ferienzeit).

      Michael sagte:
      November 25, 2013 um 11:46 am

      Hallo Juii, Ihr seid am Schwitzen und hier rieselt der erste Schnee. Das alles hängt an der Schiefe der Ekliptik.
      Ja und zur Küchenhygiene: den Menschen, den Du Dir wünschst: den gibt es noch gar nicht! Da gibt es ein österr. Lied (das man schon lange nicht mehr gehört hat) mit dem Text: „Der Mensch ist ne Sau. Er schmeisst sein‘ Dreck in die Natua, und legt sich selber noch dazua“.

      Gruß Paaaaaaaaaaaaaaaaa

    MaOmi sagte:
    November 29, 2013 um 6:37 am

    Ekliptik- scheinbare Jahresbahn der Sonne am Himmel, mußte ich erst mal nachschauen, was das ist 🙂 Tja und die vielen kleinen Ferkelchen gibt es leider immer und überall. Gemeinschaftssinn muß man eben auch erst lernen. Ich hab auch noch kein Rezept gefunden, wie man sich am wenigsten darüber ärgert, freu mich aber über meine Tochter, die so lieb ist und dem Hostelbesitzer hilft.Anbei ein paar winterliche Grüße, ich werde heute mal einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt trinken und an Euch denken :), MaOmi

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