Was wär‘, wenn Cape Reinga nicht wär‘?

Gepostet am Aktualisiert am

Wegweiser am Cape Reinga, Aupouri Peninsula, Neuseeland 2013Wir verlassen Paihia und fahren weiter Richtung Norden. Wer das tut, kann nur ein Ziel haben: Das berühmte „Cape Reinga“. Nach der Sage der Maori verlassen hier die Seelen der Toten das Land. Wir können uns das kaum vorstellen, denn schon beim Einfahren in die Aupouri Peninsula wirkt das Land wie ausgestorben.

Cape Reinga liegt am Ende des SH1. Wer weiter fährt, der landet in der Tasman Sea. Oder im südpazifischen Ozean. Je nachdem. Viele glauben, dass hier der nördlichste Punkt Neuseelands liegt. Dem ist aber überhaupt nicht so. Wer seinen Blick auf der Karte weiter östlich schweifen lässt, der bemerkt, dass diese Ehre eigentlich den Surville Cliffs gebührt. Aber wen kümmern schon die Surville Cliffs? Die haben weder so einen überdimensional großen Leuchtturm noch einen der berühmten Wegweiser im Angebot, an denen sich prima Fotobeweise nach dem Motto „Ich war hier“ aufnehmen lassen. Außerdem wird einem schnell klar, dass der Weg dorthin über steinige Schotterpisten und letztendlich nur zu Fuß erreicht werden kann. Wir selbst haben dafür auch nicht ausreichend Motivation und schlagen unser Lager lieber an der ca. 5 km entfernten Tapotupotu Bay auf, wo wir einen DOC-Campingplatz vermuten.

Es ist richtig schön in der Tapotupotu Bay. Wir haben direkten Blick auf die tosende Bucht, in der die Wellen nur so reinpeitschen. Der Sandstrand ist hellgelb und butterweich. Die Nacht kostet pro Person lächerliche 6$, dafür gibt es aber auch kein Fließend Wasser. An die Plumpsklos haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Und Duschen wird ohnehin überbewertet, schließlich kann man ja auch in den offenen Ozean springen.

Außer uns hat es noch einige andere Camper in die kleine, aber feine Bucht verschlagen. Wir freuen uns, überhaupt mal eine Menschenseele zu sehen. Die Aupouri Peninsula ist so dünn besiedelt, dass Touristen mit hoher Wahrscheinlichkeit die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Wir fragen uns, wer überhaupt hier oben in „Far North“ lebt?! Außer vielen grünen Hügeln, Schafen und Pferden, dazwischen unendlich viele Sanddünen und ab und zu einem Campingplatz, scheint hier der Hund begraben zu sein. Dagegen haben wir nichts einzuwenden: Das Panorama ist spektakulär und ermöglicht uns tolle Aufnahmen mit unserer Kamera. Aber wir stellen uns unweigerlich die Frage: Was wär’, wenn Cape Reinga nicht wär’? Würde überhaupt jemand den Weg hier rauf finden? Würden WIR den Weg hier rauf finden?

Hier oben gibt es zwar noch den touristisch attraktiven Ninety Mile Beach, eine „Strandautobahn“, die die komplette Westküste ausmacht. Diese allein würde jedoch nicht die unzähligen Schaulustigen anlocken, die mit Bussen täglich scharenweise für Teuer Geld ans Cape verfrachtet werden. Es scheint, als ob die komplette Infrastruktur ausschließlich auf die Touristen ausgerichtet ist. Dies bestätigt uns auch ein Kiwi, den wir auf der Bewanderung des Coastal Walkway treffen, der die Tapotupotu Bay mit dem Cape Reinga verbindet. Früher, so erzählt es uns, war das Cape Reinga nur über steile Schotterwege erreichbar. Dann hat man versucht, die Touristen weiterzulocken als in die Bay of Islands, und die Wege eingezäunt und eingeteert. Jetzt werden sie für zehn Minuten am Cape abgesetzt, um ein Erinnerungsfoto machen zu können, wüssten aber im Prinzip nichts darüber, wie spirituell und wichtig dieser Ort für die Kultur der Maori ist. Über den 800 Jahre alten Pohutukawa-Baum rechts des Kaps, an dessen Wurzeln die Seelen der Toten hinabgleiten, würde sich ohnehin kaum jemand Gedanken machen. Später am Cape Reinga verstehen wir so ein bisschen, was er gemeint hat: Hinter uns läuft eine Gruppe sehr junger Backpackerinnen, die sich den Kopf darüber zerbrechen, ob das vor ihrer Nase jetzt ein Meer ist oder zwei Meere sind. Und wie die überhaupt heißen würden. Schließlich einigen sie sich darauf, dass das doch ein großes Meer ist. Und irgendwas war doch mit den Maori? Ja, das hätte bestimmt was mit dem Leuchtturm zu tun. Hmmm.

Ist es also Fluch oder Segen, dass das Cape Reinga einen so hohen Besucherzustrom erfährt, wenn die Symbolik für die Touristen primär zu einem Prestigeobjekt avanciert ist als die Bedeutung für die Maori zu respektieren? Oder ist wirtschaftliche Bedeutung der Gäste für die Region zu wichtig, als das man sie aufgeben könnte, fragen wir uns noch zum Zeitpunkt unseres Besuchs am Cape Reinga. Wir wissen es nicht. Wir stellen uns an den Leuchtturm und an den Wegweiser und schießen ein Erinnerungsfoto.

5 Kommentare zu „Was wär‘, wenn Cape Reinga nicht wär‘?

    weltwunderer sagte:
    November 7, 2013 um 10:11 pm

    Oh, die Tapotupotu Bay – die haben wir in paradiesischer Erinnerung, noch ganz ohne Kinder haben wir dort den ersten Fisch unseres Lebens geangelt 🙂 (und duschen konnte man, wenn auch kalt) Das Cape Reinga fanden wir sehr eindrücklich, übrigens gerade wegen der zwei Meere, die man von da oben deutlich aneinandergrenzen sieht – ist euch das nicht aufgefallen?
    Wie man aber nicht schnackeln kann, welche Bedeutung dieser Ort für die Maori hat, wo das doch in jedem popeligen Reiseführer erklärt wird und wo außerdem in meiner Erinnerung ein großes Schild darum bittet, im heiligen Gebiet der Maori nicht zu essen und zu trinken … Ach nee, diese Jugendlichen *augenroll*
    Meint ihr übrigens wirklich, dass Touristen bewusst dahin gelockt werden? Als wir da waren, konnte man rein gar nichts kaufen, weder Snacks noch Souvenirs, einen privaten Campingplatz gibt es auch nicht – wer also hat ein Interesse daran, dass jemand kommt? Genauso einsam, wie es auf euren Fotos aussieht, haben wir das Cape auch erlebt; und genau so fanden wir es auch schön 🙂

      Familie Bauer auf Weltreise sagte:
      November 7, 2013 um 10:25 pm

      Dann fliegt doch noch mal nach Neuseeland, bucht eine der berühmten Touren ab Paihia, Kerikeri etc. und Du weißt, was ich meine 😉

        Michael sagte:
        November 8, 2013 um 9:55 am

        Hallo Ihr Meeresforscher. Jetzt lasst erst mal die Touristen in silence. – Also der Herr der Meere ist der Pazifik. Die Tasmanische See ist ein Nebenmeer des Pazifik, so wie die Nordsee ein Nebenmeer des Atlantik ist
        Manchmal verursachen gegensätzliche Strömungen Kreuzseen und unterschiedliche Tiefen (zum Land hin flacher) andere Lichreflexionen (blau, auch grün). – Schöne Bilder wieder von der family on tour,
        Gruß Paaaa

        kabie sagte:
        November 8, 2013 um 1:24 pm

        Ich liebe Eure reflexiven Reiseberichte mit den beinahe philosophischen Fragestellungen und soziologischen Deutungsmustern 😉!
        Da merkt man doch wie unterschiedlich wir die Welt wahrnehmen und erst die Kommunikation über unser Erleben zeigt uns das wir selbst doch nur eine Bruchteil wahrnehmen!
        Ich freue mich darauf jenseits meines Reiseführes mit Euch dieses Land entdecken zu dürfen und an eben diesen Fragen zu Land und Leute teilhaben zu dürfen… Noch 68 Tage!!!

    MaOmi sagte:
    November 10, 2013 um 9:38 pm

    Na wenn s für Euch ein guter Punkt war- das reicht doch! Jeder Ort sieht ja für jeden anders aus. Ich glaube, ich wäre sehr gerne ein wenig länger dort geblieben, was für ein wunderschöner Flecken Erde! Ihr seht sehr glücklich aus, MaOmi

Hinterlasse uns ein Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s